WITZIG & WAHR
Vince Ebert schreibt in der „Frankfurter Neue Presse”.
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DAS PARETO-PRINZIP

Fast zwei Drittel aller Bundesbürger geben an, bei ihrer Arbeit nicht sonderlich motiviert zu sein. Und bei Motivationstrainern liegt der Anteil sogar noch höher. Kein Wunder, denn viele Motivationsgurus bauen ihre Psycho-Seminare auf der Floskel „Think positive“ auf. Dabei weiß man doch, dass bei medizinischen Befunden das Wort „positiv“ keinen allzu guten Klang hat. Gleichzeitig sind die wenigen Berufsgruppen, die heutzutage noch großes Engagement an den Tag legen, in der Gesellschaft relativ unbeliebt: Insolvenzverwalter, Selbstmordattentäter, Jurymitglieder bei DSDS.
Klar ist: Ohne irgendeine Form von Belohnung sind wir alle ziemlich faul. Wenn zwei Leute gleichzeitig an einem Seil ziehen, leistet jeder 93 % von dem, was er zuvor alleine geschafft hat. Bei dreien sind es 85 %, bei vier 77 %. Man muss kein Mathematiker sein, um eine eindeutige Tendenz zu erkennen. Diesen schäbigen Zug der menschlichen Natur nennen die Psychologen den „Ringelmann-Effekt“. Da sich bei einer Gruppenarbeit die Einzelleistung nicht so stark auf das Gesamtergebnis auswirkt, fehlt vielen Menschen offenbar die Motivation.
Glücklicherweise gibt es trotzdem immer ein paar gutmütige Dumme. Diese Beobachtung ist unter dem Begriff „Pareto- Prinzip“ bekannt. Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto erkannte, dass in jedem größeren Unternehmen 80 % der Arbeit von 20 % der Beschäftigten gemacht wird. Das war vermutlich früher noch viel extremer. Im alten Ägypten zum Beispiel haben die meisten Einheimischen herumgestanden, während eine Handvoll nubischer Gastarbeiter die Pyramiden gebaut hat. Deswegen hat das auch so ewig gedauert. Weil aufgrund des Pareto-Prinzips die ganzen Dinger nur von ein paar Leuten hochgezogen worden sind. Die große Masse hat sinnlos Meetings abgehalten und Plänchen geschwenkt. Später hat sich diese Gruppe dann organisiert und heute heißen sie McKinsey.
Die Pareto-Regel gilt übrigens in vielen anderen Situationen auch. 20% der Autofahrer verursachen 80% der Unfälle. 20 % der Biertrinker trinken 80% des Bieres. 20% der Deutschen scheitern zu 78 % an der Prozentrechnung.
Eine der wenigen Ausnahmen sind Epidemien. Ein winziger Bruchteil von 600 Menschen, die ein Grippevirus in sich tragen, kann innerhalb von kurzer Zeit das gesamte Land lahm legen. Und wenn diese 600 Leute im Bundestag sitzen, brauchen sie noch nicht mal ein Grippevirus dazu.
Um herauszufinden, wodurch genau Menschen motiviert werden, wurden die Wirtschaftswissenschaften erfunden. Ökonomie ist im Grunde eine Untersuchung über die Wirkung von Anreizen. Oder anders gesagt: Mit Vegetariern muss man diskutieren, wenn sie eine Wurstfabrik geerbt haben.
Als beispielsweise vor einiger Zeit das Krankentagegeld gekürzt wurde, erlebte das Land einen drastischen Rückgang von Montags- und Freitagskrankheiten. Nach Lourdes das vielleicht größte medizinische Wunder unser Zeit.
Einer der ersten Wissenschaftler, der sich über solche unorthodoxen Zusammenhänge Gedanken machte, war übrigens Daniel Kahneman. Der Psychologe, der für seine Arbeiten sogar den Nobelpreis bekam, verknüpfte Aspekte aus Psychologie und Ökonomie, indem er sich etwa fragte, warum so viele Menschen eine Abneigung haben, Geld für ihr Alter zurückzulegen. Banale Antwort: Sparen zahlt sich in der Zukunft aus, Verschwendung in der Gegenwart. Das ist der Grund, weshalb die Deutschen pro Jahr 3,5 Mrd. Euro für Schuhe ausgeben. Der größte Teil davon von meiner Frau.







