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Franfurter Rundschau

Seit 2009 schreibt Vince jeden zweiten Mittwoch unter dem Motto „Denken Sie selbst” für die Frankfurter Rundschau.

Rebellierende Genies

vom 16.09.2009

Sobald Menschen Kinder kriegen, lassen sie sich zu grotesken Ansichten und Handlungen hinreißen. Junge Mütter zum Beispiel holen mitten im Restaurant vollkommen selbstverständlich ihre Brust heraus und stillen mit triumphierendem Blick ihr Neugeborenes, weil sie der Meinung sind: "Das ist das Natürlichste auf der Welt!" Andererseits: Sex ist ebenfalls das Natürlichste auf der Welt, trotzdem bin ich bei meinem Lieblingsitaliener noch nie über meine Begleitung hergefallen.

Sabine, eine gute Freundin, erklärte mir: "Stillen ist nun mal für die Mutter-Kind-Beziehung immens wichtig. Außerdem haben Erziehungswissenschaftler herausgefunden, dass Flaschenkinder viel öfter übergewichtig werden." "Immerhin sind dicke Kinder wesentlich schwerer zu kidnappen", entgegnete ich.

Die meisten jungen Familien in meinem Bekanntenkreis sind der festen Überzeugung, Erziehung sei eine hochkomplizierte Wissenschaft, die in etwa so brisante Anforderungen stellt wie das Management eines Kernkraftwerkes. In unzähligen Handbüchern wird akribisch beschrieben, wann genau das Kleinkind mit Kuhmilch, Englischunterricht oder einer Psychotherapie beginnen sollte. Eigentlich unglaublich, wie Kinder über Jahrtausende hinweg ohne Selbsthilfebücher, Erziehungscoachs und Supernannys überhaupt das dritte Lebensjahr erreichen konnten. Sabine erzählte mir neulich, dass es im Falle von Eltern-Kind-Problemen als Therapieart inzwischen sogar Bogenschieß-Kurse gibt. Wer da auf wen schießen darf, sagte sie nicht.

Wer sich heutzutage hinstellt und sagt: "Lasst doch die Kinder einfach mal machen", gilt in intellektuellen Kreisen als verantwortungsloser Assi. Aber bei mir haben sich viele Interessensgebiete von ganz alleine entwickelt. Besonders die Liebe zur Physik. Schon als 12jähriger führte ich selbständige Studienreihen durch und untersuchte das "Druckverhalten von vierachsigen 30-Tonnern auf froschhafte Organismen an der B47". Meine zweite Arbeit "Aspirin-Überdosierungen von japanischen Ziergoldfischen" reichte ich sogar bei Jugend forscht ein.

Damals meinten meine Eltern nur: So sind Kinder nun mal. Das wächst sich schon noch aus. Heutzutage wäre ich ein glasklarer Fall für den Kinderpsychologen. Sagt zumindest Sabine. "Unter 40 Einzelsitzungen wäre da nichts gegangen. Wahrscheinlich warst Du ein hochbegabtes Kind." "Aber", fuhr sie fort, "weil das Deine Eltern nicht erkannt haben, hast Du rebelliert! Bei meinem Frederic wäre ich ohne seine Therapeutin Dr. Schmidt-Wegener auch nicht darauf gekommen, dass er ein kleines Genie ist!" "Aber warum kann er dann mit 11 Jahren immer noch nicht richtig lesen?" fragte ich. "Weil es seine Lehrer nicht erkennen! Dr. Schmidt-Wegener meint, das sei ganz typisch bei Genies. Die meisten wurden - genau wie Frederic auch - am Anfang ausgelacht."

Ich kam ins Grübeln. Denn die Tatsache, dass manche Genies ausgelacht wurden, bedeutet ja nicht, dass alle, die ausgelacht werden, Genies sind. Man lachte zwar über Galileo, über Darwin und über die Gebrüder Wright. Aber man lachte eben auch über Edmund Stoiber.

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