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Franfurter Rundschau

Seit 2009 schreibt Vince jeden zweiten Mittwoch unter dem Motto „Denken Sie selbst” für die Frankfurter Rundschau.

Butterberge statt Gehirnschmalz

vom 18.11.2009

Neulich las ich, eine Scheidung verkürze das Leben der betroffenen Männer um sechs Jahre. Wenn das stimmt, müssten Joschka Fischer oder Gerhard Schröder längst tot sein. Auch interessant: die Bewohner von Mecklenburg-Vorpommern haben eine um drei Jahre geringere Lebenserwartung als der Durchschnittsdeutsche. Eine schlechte Bildung allerdings kostet die meisten Lebensjahre: ganze neun. Wenn sie sich also in Mecklenburg-Vorpommern scheiden lassen, können sie die verlorene Zeit praktisch nur durch das Abitur wieder ausgleichen.

Des Weiteren haben Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen Gewicht und Bildungsgrad festgestellt. Angeblich sind übergewichtige Menschen dick und doof in einem. Ob jedoch dick doof macht oder doof dick, ist noch nicht geklärt. Die Süddeutsche Zeitung jedenfalls meldete im Januar 2008: Bildung macht schlank! Demnach wären die Teilnehmerinnen von Germany´s Next Topmodel die intellektuelle Elite Deutschlands und Bulimie wäre eine Form von künstlicher Intelligenz.

Noch vor 200 Jahren waren Wohlstand und Unabhängigkeit eine Frage von Landbesitz. Außerdem empfahl es sich, möglichst viele Kinder zu bekommen, die einen im Alter versorgen konnten. Heute ist ein Grundstück in Brandenburg ein Klotz am Bein und Kinderreichtum ein Indiz für Bildungsferne. Denn die wichtigste Grundregel der Evolutionsbiologie lautet nicht: Wer doof ist, pflanzt sich nicht fort, sondern: Pflanze dich fort, egal wie doof du bist. Dieses Prinzip hat uns zwar an die Spitze der Nahrungskette gebracht, ist aber gleichzeitig in modernen Industrienationen das vielleicht größte Problem. Denn je gebildeter die Menschen sind, desto weniger Kinder bekommen sie. Die effektivste Möglichkeit, die Geburtenrate zu erhöhen, wäre also eine schlechte Bildung. Und genau diese Strategie verfolgt die Politik: Im Jahr 2008 lag der Bildungsetat der EU bei 5,7 Milliarden Euro, während gleichzeitig die Landwirtschaft mit 54 Milliarden subventioniert wurde. Man investiert lieber in Zuchtbullen als in Intelligenz-Bolzen. Butterberge statt Gehirnschmalz.

Tatsächlich ist die Idee, Geld in Bildung zu stecken, ein klassisch liberaler Denkansatz. Nur wer gebildet ist, kann eigenständig durchs Leben gehen und selbstbestimmt Entscheidungen treffen - kein Wunder, dass die Politik so wenig Interesse daran hat. Im 18. Jahrhundert unter Friedrich III. war Preußen das Ziel von Gebildeten, fähigen Handwerkern und integrationswilligen Neubürgern. In der berühmten Berliner Akademie der Wissenschaften traf sich die Geisteselite Europas. Leute wie Lessing, Kant oder Euler. Heute versammeln sich an gleicher Stelle Menschen, die Voltaire bestenfalls für den Erfinder der Batterie halten und für ein halbes Jahr als Ampere nach Frankreich gehen wollen.

Ein Bekannter von mir leitet ein Restaurant. Als sich bei ihm neulich ein junger Mann als Kellner beworben hat, fragte er ihn: "Und, wie sieht´s denn so mit Kopfrechnen aus?" Der Mann dachte kurz nach und antwortete: "Kopfrechnen ist nicht so wichtig. Ich mach´ das wie bei der Börse: mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger..."

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