FRANKFURTER RUNDSCHAU
Seit März 2009 schreibt Vince jeden zweiten Mittwoch unter dem Motto "Denken Sie selbst" für die Frankfurter Rundschau.
VERZICHT INKLUSIVE
Mein Nachbar Thomas hat sich neulich eine Espressohebelmaschine geleistet. Kein neumodischer, vollautomatischer Schnickschnack, sondern rein mechanisch, traditionsreich und sündhaft teuer. Kein Wunder, Thomas hat eine gut gehende Anwaltskanzlei, ist stinkreich und außerdem ist er ein absoluter Retro-Freak. Deswegen legt Thomas sehr viel Wert auf hochwertige Materialien.
Der Druckkolben besteht aus einem handgebogenen Vanadium-Molybdän-Chrom-Gemisch mit aufgesetzten Messingschlitzschrauben und einem detailgetreuen Manometer-Nachbau aus der legendären U-Boot-Flotte der deutschen Wehrmacht. Der mitgelieferte limitierte Sonderdruck zur "Geschichte der Espressomaschine" auf geschöpftem Büttenpapier mit Goldschnitt wird in einer dreifach geölten Kirschholzkiste mit einem Bakelitverschluss geliefert und bietet den Informationsgehalt einer gesamten Brockhaus-Sonderausgabe.
Alleine um den Startknopf seiner Neuerwerbung zu finden, benötigte Thomas - wie er mir gestand - vier Stunden. Ich glaube, um diese Maschine mit all ihren Finessen bedienen zu können, muss man ein mehr-semestriges Studium in den italienischen Abruzzen absolvieren. Um aus ihr einen trinkbaren Espresso herauszubekommen, braucht man einen gut durchtrainierten Körper, eine Anwärmzeit von mindestens 60 Minuten und die Feinfühligkeit eines Geigenvirtuosen.
Vorglühen von röhrenbetriebenen Endstufen
Warum nur tun sich die Leute solcherlei Irrsinn an? Ich habe den Eindruck, je erfolgreicher man im Beruf ist, desto schwerer macht man es sich im Alltag. Zum Beispiel mit dem Vorglühen von röhrenbetriebenen Endstufen oder dem nächtelangen Herstellen von Pasta mit einer in Einzelfertigung hergestellten mundgeblasenen Nudelmaschine aus biologisch abbaubarem Gusseisen.
Während sich das einfache Volk im ClubMed all inclusive die Wampe vollhaut, fahren Bankdirektoren auf dem Kilimandscharo Mountainbike. Oder kurven durch die Stadt auf lächerlichen Liegefahrrädern, deren einziger Vorteil ist, dass sie öfters mal von einem LKW übersehen werden.
Seit H&M, Aldi und Ikea den Konsum demokratisiert haben, hat er bei der Elite seinen Reiz verloren. Irgendwie logisch. Da Luxus immer das ist, was knapp ist, zelebriert man eben heute den Verzicht. Frei nach dem Motto: Askese statt Langnese. Wer sich alles leisten kann, fährt zur Selbstgeißelung ins Schweigekloster; wer knöcheltief im Dispo steht, besucht Poolpartys auf Ibiza. Oder hampelt mit einer Fernbedienung in der Hand vor der Glotze rum und spielt Wii.
So ganz auf Prahlerei möchten die wohlhabenden Intellektuellen selbstverständlich auch nicht verzichten. Allerdings läuft das Ganze bei ihnen geringfügig subtiler ab. Mein Espressohebelmaschinen-Nachbar Thomas hat sich zum Beispiel letztes Jahr einen Parkettboden für 180 Euro pro Quadratmeter in seine Kanzlei legen lassen. Damit ihn seine Klienten aber nicht als Prahlhans ansehen, hat er die Maserung des Holzes absichtlich so gewählt, dass jeder Nichteingeweihte denkt, es sei Laminat. Das ist die wahre Rache des Kapitalismus.








